„denkmal aktiv – Kulturerbe macht Schule“. Schüler zeigen bemerkenswertes Engagement bei der Bewahrung von Kulturdenkmälern.

Im Rahmen der Aktionstage „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bundesweit insgesamt 7 Schulteams eingeladen, in der Säulenhalle der Universität Bonn die Arbeitsergebnisse ihrer Denkmalprojekte auszustellen. Mit ihrem Schulprogramm „denkmal aktiv“ fördert die Deutsche Stiftung Denkmalschutz Schulprojekte für die Dauer eines Jahres sowohl in finanzieller als auch in fachlicher Hinsicht. Einige der Schulprojekte sind im Folgenden beschrieben.

Dr. Ulrike Kurth, Westfalen-Kolleg Paderborn

Dr. Ulrike Kurth, Westfalen-Kolleg Paderborn

Westfalen-Kolleg Paderborn
Die Schüler des Westfalen-Kollegs sind der Frage nachgegangen, inwieweit Menschen sich mit den Denkmälern in ihrer Umgebung identifizieren und haben dazu verschiedene Denkmäler näher unter die Lupe genommen. Mit der Wewelsburg, der Kult- und Terrorstätte der SS, hat sich ein Team ein besonders schwieriges Denkmal ausgesucht. Eine kleine Umfrage unter Besuchern der Wewelsburg ergab, dass der Erhalt eines Denkmals als wichtiger empfunden wird, wenn man es kennen gelernt hat und mit etwas in Verbindung bringen kann. Wer einmal ein Denkmal kennt, verbindet oft auch ein Gefühl damit. Die Schüler selbst haben sich dem Denkmal über intensive Recherchen im angeschlossenen Dokumentationszentrum genähert und sind auf Details des NS-Mordprogramms gestoßen, die sie wahrscheinlich so schnell nicht vergessen werden.

Wilhelmi-Gymnasium, Sinzheim und die Realschule Waibstadt
In Zusammenarbeit mit dem Verein „Ehemalige Synagoge Steinsfurt e.V.“ betreuen die Schüler die Sanierung dieser einmaligen, im Industriestil 1893 erbauten Synagoge, die 1937 von der schrumpfenden jüdischen Gemeinde aufgegeben werden musste und an Privatleute verkauft wurde. Diesem Umstand ist der Erhalt der Synagoge während der sog. „Reichskristallnacht“ am 8./9. November 1938 zu verdanken, als die Besitzer ihren Privatbesitz gegen den SA-Mob in Schutz nahmen. Heute ist die Synagoge von den Besitzern an den Verein verpachtet. Mit einer Reihe kleiner Projekte tragen die Schüler dazu bei, die finanzielle Grundlage für die Sanierung des Gebäudes sicherzustellen. Sie betreiben Öffentlichkeitsarbeit, organisieren Sponsoren und gestalten mit einem aufwendigen Layout Kalender, die das jüdische Leben in Sinsheim und Umgebung mit künstlerisch anspruchsvollen Photos dokumentieren. Darüber hinaus werden in den Räumen des Gebäudes Ausstellungen und Lesungen durchgeführt, die von den Schülern mitgestaltet werden.
Eine Projektdokumentation ist auf der Webseite des Vereins einsehbar.

Berufsschulzentrum Annaberg-Buchholz, Sachsen
Seit 2003 betreuen und pflegen Schüler des Berufsschulzentrums Annaberg-Buchholz in den Ferien die historischen Klostergärten der Zisterzienserabtei Osek in Tschechien, die trotz ihrer Bedeutung für Nordböhmen in Vergessenheit geraten und dem Verfall preisgegeben ist. Das Engagement der Schüler hat nicht nur Resonanz bei tschechischen Jugendlichen gefunden sondern auch die Aufmerksamkeit des tschechischen Staates auf sich gezogen, der zur Sanierung der Gartenanlagen und des Klosters mittlerweile mehrere Millionen Euro zur Verfügung stellt. Die Schüler selbst tragen zur Finanzierung der aufwendigen Renovierungen bei, in dem sie Spenden einsammeln, die Erzeugnisse der Obstbäume verkaufen und in Eigenarbeit einen alten Trecker tschechischer Bauart wieder flott gemacht haben. Das Projekt ist mittlerweile über die Region hinaus bekannt und zieht viele Interessenten an, wie z.B. das Obstbauinstitut Pilnitz bei Dresden, das sich für die in den Grünanlagen wachsenden seltenen Obstbäume interessiert.

Durmis Özen mit seinen Schülern Ali Omar und Janine Babicz, Realschule Altrahlstedt

Realschule Altrahlstedt, Hamburg
Schüler der Realschule Altrahlstedt haben im Rahmen einer Projektwoche 2006 nach umfang-
reichen Archivrecherchen und Besuchen in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg eine archäologische Grabung nach Überresten der Bornplatz-Synagoge durchgeführt, die im Zuge der sog. „Reichskristallnacht“ am 8./9. November 1938 von einem Mob angezündet und zerstört worden war. Wo früher die Synagoge stand, bildet heute ein Bodenmosaik auf dem Joseph-Carlebach-Platz die Dachkonstruktion der alten Synagoge nach. Mit Hilfe von alten Luftaufnahmen und der Unterstützung eines Archäologen konnten die Schüler die tatsächlichen Ausmaße der alten Synagoge bestimmen, so dass in den umgebenden Grünanlagen durch die Grabung Teile des alten Fundaments freigelegt werden konnten. Die Schüler fanden Überreste verbrannter Ziegelsteine und Tonscherben, die eindeutig von der Synagoge stammten. Das Engagement der Schüler hat dazu geführt, das der bisher nur für den Joseph-Carlebach-Platz bestehende Denkmalschutz entsprechend den weit bis in die Parkanlagen reichenden Fundamenten der alten Synagoge auf die Grünanlagen ausgeweitet wurde, die den Platz unmittelbar umgeben. Außerdem wurde der Beitrag des Schulteams gegen das Vergessen mit dem Bertinipreis 2006 ausgezeichnet, benannt nach dem berühmten Roman von Ralph Giordano.

Dipl.-Ing. Georg Terbeck mit seiner Schülerin Sarah Ebel, Hönne-Berufskolleg Menden

Dipl.-Ing. Georg Terbeck mit seiner Schülerin Sarah Ebel, Hönne-Berufskolleg Menden

Hönne-Berufskolleg, Menden
Wie saniert man eine Villa, die unter Denkmalschutz steht? Und auf welche Schwierigkeiten stößt man dabei? Diese Fragen stellten sich die Schüler des Mendener Hönne-Berufskollegs, die sich vorgenommen hatten, mit der „Lenzen-Villa“ eine alte verlassene Gründerzeitvilla im Stil des Klassizismus vor dem Verfall zu bewahren. Mit Unterstützung eines örtlichen Architekten wurde zunächst die Erhaltenswürdigkeit des Gebäudes durch Rekonstruktion von Geschichte und bisheriger Nutzung geklärt und anschließend ein Sanierungs- und Nutzungskonzept entwickelt. In Arbeitsteilung haben die angehenden staatlich geprüften Bautechniker ein Konzept mit Beschreibungen, Plänen und statischen Berechnungen erstellt, auf dessen Grundlage die angehenden Maurer praktische Ausführungsanleitungen erar-
beiteten und Material und Oberflächen unter denkmalschutzrele-
vanten und wirtschaftlichen Aspekten auswählten. Eine ausführliche Projektdokumentation informiert über Einzelheiten und Verlauf des Projektes.

Im Anschluss an die Ausstellung fand im Hörsaal I der Universität Bonn eine Podiumsdiskussion mit sachkundigen Vertretern aus Schule, Denkmalschutz und Kulturpolitik statt, an der sich auch zwei Schüler aus den Projekten beteiligten.
Einleitend wurde eine Begriffsbe-
stimmung vorgenommen und das Thema „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ aus verschiedenen Perspektiven ausgeleuchtet. Einig-
keit herrschte unter den Teilneh-
mern, das die Schülerprojekte persönlichkeitsbildend wirken und einen Bewusstseinswandel dahin-
gehend erzeugen, dass alles Gegenwärtige einen Kontext in der Vergangenheit hat und eine nachhaltige Entwicklung nicht ohne Respekt vor der Vergangenheit zu haben ist. Die Projektarbeit stärkt nicht nur das Selbstvertrauen der Schüler sondern hat auch einen positiven Lerneffekt, weil die Schüler während ihrer Arbeit Anerkennung erfahren und Orte und Menschen kennenlernen, die sie – nach eigener Aussage – so schnell nicht wieder vergessen werden. Übereinstimmend wurden die Chancen der Denkmalarbeit in ihrer Interdisziplinarität gesehen, weil sie die Schüler dazu motiviert, ein großes Faktenwissen aus verschiedenen Disziplinen zusammenzutragen und selbständig in einen selbst erarbeiteten übergeordneten Zusammenhang zu stellen. Neben dem Anstoßen von Bewusstseinsprozessen leistet der Denkmalschutz aber auch einen aktiven Beitrag zur Ressourcenschonung, weil das Alte für die Zukunft bewahrt wird.
Auch die Frage nach den Rahmenbedingungen einer erfolgreichen Denkmalarbeit mit Schülern wurde auf dem Podium lebhaft diskutiert. Als Ideal wurde der Aufbau eines Netzwerkes bezeichnet, in dem engagierte Lehrer und Schüler – motiviert durch ein projektfreundliches Schulklima und entsprechende Förderprogramme wie etwa „denkmal aktiv“ – Kontakte zu außer-
schulischen Lernorten und fachlichen Partnern im Denkmalschutz knüpfen und mit Unterstützung von Architekten, Archäologen, Restauratoren, Museumspädagogen, Archivaren, Zeitzeugen etc. ein Projekt auflegen und im ständigen Dialog zum Erfolg führen. Die Diskussion wurde abgeschlossen mit kurzen Erfahrungsberichten über den Verlauf der Projekte, die in der Ausstellung zu sehen waren.
Auf dem Podium diskutierten: Durmis Özen, Realschule Altrahlstedt, Hamburg; Ali Omar, Realschule Altrahlstedt, Hamburg; Stephanie Franckowiak, Kaiser-Karls-Gymnasium, Aachen; Dr. Lothar Lemper,
Vorstand der Otto Benecke Stiftung e.V., Mitglied im Rat der Stadt Köln, Vorsitzender des Ausschusses Kunst und Kultur/Museumsneubauten; Dr. Angelika Schyma, Landschaftsver-
band Rheinland (LVR), Rheinische Denkmalpflege; Dr. Ulrike Kurth, Westfalen-Kolleg Paderborn, Dr. Susanne Braun, Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Hartmut Koch, Scientific Consulting, Bonn.


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Interview mit Frau Dr. Braun

„denkmal aktiv“
Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Koblenzer Straße 75
53177 Bonn
Tel. 0228-36885-987
Fax: 0228-36885-947
E-Mail: susanne.braun@denkmalschutz.de
www.denkmal-aktiv.de

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